Paul Flora Venezianische Karnevalsfiguren

Die Zeichnung existiert, seit es Kunst gibt. Ob eine alte Handschrift aus der Romanik, oder die Skizzenbücher der Maler, Zeichnungen haben die Kunst immer begleitet. Je weiter man in der Kunstgeschichte zurückgeht, desto unselbständiger ist die Zeichnung, sehr oft erscheint sie degratiert zur Vorzeichnung; im Fresco wird sie in die Wand geritzt, im Ölbild zeichnet der Künstler direkt auf die Leinwand oder die Tafel. Trotz aller Vernachlässignung als Beiwerk kam kein Künstler wirklich je ohne sie aus. Zeichnen war das Rüstzeug des Malers und ist es heute noch. Wer nicht zeichnen kann, wird auch am gediegen guten Bild scheitern. Im Grunde ist die Zeichnerei die Erzählform für den deds Lesens nicht kundigen  Menschen. So erklären sich die Bilderzyklen in den Freken mittelalterlicher Kirchen, so erklärt sich die Armenbibel, so erklärt sich auch die Buchkunst insgesamt.

Dass schon die frühesten Beispiele der Handschriften bereits Bilder beinhalten, ist jedoch eher dem Bedürfnis zuzuschreiben, dass Handschriften von Anfang an den Reichtum eines Klosters ausmachten und ergo waren sie meist aufwändig gemalt oder eben gezeichnet. Wie aufwändig sie oft waren, zeigt sich in den frühen Beispielen der Handschriften, den Inkunabeln des Mittelalters. Mit der Erfindung des Buchdrucks an der Wende zum 15. Jhdt erreichte die Zeichenkunst eine weite Verbreitung und die prächtigen Holzschnitte begleiteten sie. Doch erst mit der Erfindung der Lithographie wurden die Bilder in den Büchern auch durch Halbtöne der reinen Umrisszeichnung entrissen.

Wenn  man vor den großen Zeichnern der Welt steht, sei es ein Rembrand oder Michelangelo, so kniet man davor. Sieht man bei Albrecht Dürer oder Martin Schongauer nach, ahnt man, dass die Zeichnung sehr vile mehr sein kann, als bloße Skizze. Und dennoch bleibt der Großteil der Handzeichnung meist eine untergeordnete, vorbereitende Technik. Ende des 19. Jhds wurde im Zuge vor allem der karikaturhaften und meist sozialkritischen Zeichnung (Goya, Ensor) ganz andere Tendenzen sichtbar. Auch die Radierzyklen mit anklagend sozoalkritischem Inhalt weisen den Zeichner nunmehr als Erzähler aus und zu zeichnen tritt endgültig aus dem Schatten der Malerei heraus. Im zwanzigsten Jahrhundert wird die Zeichnung immer selbstbewusster und selbständiger, sie etabliert sich als eigenständige Gattung innerhalb der Künste. Alberto Jacometti, Pablo Picasso, Saul Steinberg, Alfred Kubin, Paul Flora oder Horst Jansen u.v.a.m. geben beredtes Zeugnis davon. Und wenn man genau hinsieht, die besten Zeichner erzählen nun nur noch Geschichten, sie zeichnen ohne ein späteres Bild im Kopf zu haben. Schiele oder Klimt waren zweifelsfrei gute Zeichner, aber meist waren deren Zeichnungen doch nur Skizzen zu nachfolgenden Ölbildern.

Die Federzeichnung als die Königsdiziplin verwendet verschiedene Farben wie Tusche (schwarz), Sepia (braun) oder auch färbige Tuschen. Auch gewässerte Tusche (Lavierung) wird verwendet und meist mit dem Pinsel aufgetragen. Je nach Verdünnung der Tusche werden die in dem Fall gemalten Flächen mehr oder weniger dunkel, transparent bleiben sie bei der Lavierung immer. Die Lavierung wird meist transparent zur Schattierung, Betonung, Flächendefinition o.ä. eingesetzt. Als Sonderfall der Lavierung kann die unverdünnte mit dem Pinsel aufgetragene Zeichnung gelten, die s.gen. Tuschpinselzeichnung, wie wir sie vor allem aus Japan seit Jahrhunderten kennen.
Das Zusammenspiel vieler Striche kann ebenso beeindrucken, wie die sparsame Strichführung, die hauptsächlich in der Auslassung beeindruckt. Sehr oft wird zur Höhung bzw Strukturierung einer Federzeichnung auch die s.gen. Schraffur verwendet, das mehr oder weniger enge Zusammenstehen paralleler Striche (gerade oder geschwungen), die damit nicht nur eine Fläche dunkel machen, sondern auch dreidimensionale Illusion erzeugen kann. Diese Art der Füllung und Gliederung ist seit Beginn der graphischen Gestltung, die mehr als nur Skizze ist, Usus. Werden diese Schraffuren einander kreuzend übereinandergelegt, spricht man von einer Kreuzschraffur (s.a. die Meister der österreichischen Zeichnung Alfred Kubin und Paul Flora).
Als Federn werden ihn erster Linie Stahlfedern, s.gen. Spitzfedern, benutzt. Sie sind gespalten, um den Fluss der Tusche auf Papier gleichmäßig und ohne Flecken zu gewährleisten. Die Spitzfeder gibt es in verschiedenen Stärken.

Die Rohrfeder hinterlässt einen sehr breiten Strich und bezieht ihre Attraktivität aus dem Umstand, dass sie fast mit der reinen Umrisslinie auskommen muss.

Der Federkiel (oder Schwanenfeder) wird heute kaum noch verwendet, sie ist der Rohrfeder sehr verwandt.
Im Gegensatz zur Bleistiftzeichnung, der Rötelzeichnung, dem Pastell u.a.m. dringt die Tusche bei der Federzeichnung ins Papier ein.